"Ich könnte mir gut vorstellen, es wieder zu versuchen". Interview mit Clemens Schmid, Preisträger 2019 des Deutschen Studienpreises der DGUF

Jedes Jahr schreibt die DGUF einen Preis für besondere Leistungen Studierender aus. Clemens Schmid ist der Preisträger 2019. Ausgezeichnet wurde er für seine in Kiel abgeschlossene Masterarbeit "Ein computerbasiertes Cultural Evolution Modell zur Ausbreitungsdynamik europäisch-bronzezeitlicher Bestattungssitten". Das ist – wie oft im Fach – lang und kompliziert, steckt aber gleich drei Forschungsbereiche ab: statistische Modelle, kulturelle Interaktion und die europäische Bronzezeit. Jochen Reinhard aus dem DGUF-Beirat hat knapp ein halbes Jahr nach der Preisverleihung mit Clemens Schmid gesprochen.

Jochen Reinhard: Lieber Clemens, Deine Arbeit scheint für viele Forschungsbereiche interessant. Kannst Du kurz umreißen, worum es Dir in Deiner Arbeit ging, was genau hast Du gemacht?

Clemens Schmid: Nun – der Entstehungsprozess der Arbeit war nicht geradlinig: Ich habe verschiedene Themengebiete durchwandert, um Theorie, Fragestellung, Methoden und Daten sinnvoll zusammenzuführen. Ganz allgemein gesprochen habe ich die Ausbreitung zweier wichtiger Aspekte bronzezeitlicher Bestattungskultur in Nord-, West- und Zentraleuropa nachgezeichnet: Körpergräber im Gegensatz zu Brandgräbern und Flachgräber im Gegensatz zu Hügelgräbern. Dafür habe ich nicht wie sonst üblich die umfangreiche, archäologische Literatur zu lokalen Entwicklungen verarbeitet, sondern stattdessen rein quantitativ mit kontextualisierten Radiokarbondaten aus der Radon-B-Datenbank gearbeitet. Diese Vereinfachung ist natürlich konzeptionell schwierig. Deswegen gehen der Analyse in meiner Arbeit einige theoretische Ausführungen voran.

Das klingt spannend – wie kommen unsere Leser an Deine Arbeit dran, wo ist sie publiziert?
Das Manuskript, das ich zur Prüfung eingereicht habe, ist auf dem Online-Repositorium GitHub zugänglich. Darüber hinaus habe ich auch ein Paper publiziert, das die wichtigsten Ergebnisse präsentiert – leider ist das aber keine Open-Access-Publikation.

Auf GitHub ist aber noch viel mehr abgelegt als ein reines PDF meiner Arbeit. Der gesamte Text, den ich für die Arbeit geschrieben habe, alle Abbildungen und der Programmcode liegen dort. Nicht nur in der Abgabeversion, sondern auch in allen vorangehenden Versionen. Die Entstehungsgeschichte der Arbeit ist so mitdokumentiert.

 

GitHub ist also kein Literatur-Repositorium. Kannst Du knapp erläutern, was es ist und wie Du es nutzt?
GitHub ist eine Online-Plattform, die Projekte speichert, die mit der Versionskontrollsoftware Git verwaltet werden. GitHub ist insofern nicht das zentrale Element, sondern Git. Das wurde für Softwareentwicklung konzipiert, eignet sich aber auch ganz fantastisch für kollaboratives Schreiben oder Datensammlung. Git speichert jeden Arbeitsschritt und erlaubt zu jedem vergangenen Versionspunkt zurückzuspringen. Jeder der schon einmal ein Manuskript mit vielen Co-Autoren entwickelt hat, kennt das Problem abweichender Versionsstände. Git macht es viel einfacher, den Überblick zu behalten.

Ich verwende Git für mein gesamtes professionelles Schaffen. Sowohl für Softwareprojekte als auch für Datenanalyse-Skripte und Textentwicklung. Sowohl für Dinge, an denen ich alleine arbeite, als auch für große Gruppenprojekte.

GitHub ist also a priori für Informatiker. Was an GitHub wäre wichtig für die Archäologie? Was sind die Vorteile für Dich bzw. Deine Arbeit? Warum keine "klassische" Buch-Publikation – auch hier gibt es ja mittlerweile, wie beispielsweise bei den "Archäologischen Berichten" der DGUF, die Möglichkeit von Online-Publikationen im Open Access mit Open Data?

Wie in allen anderen datenverarbeitetenden Wissenschaften ist die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen in der Archäologie von zentraler Bedeutung. Git ist ein gutes Werkzeug, um diesem Ideal näher zu kommen. Dabei steht es natürlich nicht alleine. Open Data, Skriptsprachen und Langzeitarchive sind weitere Puzzlesteine, die es in Zukunft einfacher machen werden, "on the shoulders of giants" Menschheitsgeschichte zu rekonstruieren.

Ich sehe hier keinen Konflikt zur klassischen Buchpublikation. Ebenso wie mein oben erwähntes Paper um ein voll digitales Supplement mit (ausnahmslos vollständigen) Daten und Code erweitert wird, können genannte Werkzeuge auch im Kontext eines Printmediums zum Einsatz kommen.

Womit wir bei Deinen Aktivitäten sind. Hat Dir der Studienpreis vielleicht sogar ein bisschen geholfen? Wie hat Dein Umfeld auf den Preis reagiert?
Der Nachricht zum Erhalt des Studienpreises habe ich im Flugzeug auf der Rückreise von der internationalen CAA- (Computer Applications in Archaeology) Tagung in Krakau erhalten. Mein Kollege Moritz Mennenga saß neben mir und hat gratuliert. Eine sehr schöne Überraschung! Später habe ich auf verschiedenen Social-Media-Kanälen Glückwünsche von vielen Kollegen erhalten. Das hat mich natürlich gefreut und ermutigt. Ob und wie es Türen geöffnet hat, kann ich nicht genau sagen, ich hatte aber durchaus den Eindruck, dass der eine oder andere Kontakt mit Kollegen davon profitiert hat.

Der klassische Weg wäre ja, das Thema der Masterarbeit zur Dissertation auszubauen. Überträgst Du Deine Untersuchungen zu "Cultural Evolution" nun auf andere Zeiten, oder steigst Du intensiver in die Erforschung der Bronzezeit ein? Kurz: was sind Deine aktuellen Pläne?
Tatsächlich gibt es methodische und theoretische Bezüge zwischen meinem Promotionsprojekt am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und meiner Masterarbeit. Für Datenanalyse und Simulation in der Arbeit habe ich mich mit Distanzmatrizen im kulturellen und geographischen Raum auseinandergesetzt und nach Korrelationen im gesamten Interaktionssystem gesucht. Hier in Jena arbeite ich ebenfalls mit Distanzmatrizen und deren Korrelation. Das schließt nun allerdings genetische und sprachliche Distanzmaße ein, wie sie mittels Methoden der Populationsgenetik und Historischen Linguistik berechnet werden können.

Nochmal zurück zum Studienpreis der DGUF. Der Ausschreibungstext des Studienpreises nennt als Kriterien einer auszeichnungswürdigen Arbeit einen findigen interdisziplinären Ansatz oder eine besondere Vernetzung oder eine unorthodoxes Forschungskonzept oder den innovativen Einsatz neuer Medien, Methoden oder Techniken. Wo würdest Du Deine Arbeit hier am ehesten einordnen?

Ich denke, dass meine Arbeit im Licht dieser Kriterien besonders methodisch glänzen kann. Ich habe eine Menge Programmcode geschrieben und ein paar kreative, theoretisch begründete Ideen verarbeitet. Mein Ansatz steht explizit neben der klassischen Bronzezeitforschung und kommt dennoch zu vergleichbaren Ergebnissen. Die Integration von Theorie, Daten und Analyse ist sicherlich eine wichtige Voraussetzung für eine solide, archäologische Arbeit.

War die Bewerbung um den Studienpreis mit einem besonderen Aufwand verbunden  - mal abgesehen von Deiner eingereichten Arbeit selbst? Würdest Du es wieder tun, also zum Beispiel in vier bis fünf Jahren mit der Diss?
Tatsächlich hat sich der Aufwand für mich in engen Grenzen gehalten. Mein Betreuer Oliver Nakoinz hat mich gebeten, ein paar Zeilen zu den von mir selbst als solchen wahrgenommenen Qualitäten der Arbeit zu formulieren. Das ist mir nicht leicht gefallen, geht mittlerweile aber flüssiger (lacht). Ein kurzer Lebenslauf war auch gewünscht, aber den hatte ich für anstehende Bewerbungen ja ohnehin schon vorbereitet. Ich könnte mir also gut vorstellen, das so wieder zu versuchen.

Clemens, Hand aufs Herz – was hast Du mit der Urkunde gemacht? Hängt sie über Deinem Schreibtisch oder auf der WG-Toilette? Oder hast Du sie mit einer Widmung Deinen Eltern geschenkt? ;o)
Oh – ich fürchte, da bin ich zu sehr buchhalterisch veranlagt. Ich habe die Urkunde ordentlich zu den Akten gelegt (lacht).

 

November 2019