StartseiteAktivitäten und ZieleDGUF und GesellschaftStandpunkteStellungnahmenKommentareWahlprüfsteineArchäologische InformationenArchäologische BerichteArchäologische QuellenTagungenArchäologiepreiseDer VereinArbeitskreiseMitgliedschaftService

Die Wahrheit über die Steinzeit-Frau vom Nesenbach

Am 1. April 2014 berichtete der SWR über den Sensationsfund in der Baugrube von "Stuttgart 21": Renommierte Archäologen hätten dort Spuren einer seltenen Steinzeit-Kultur entdeckt, die ältesten Spätzle der Welt identifiziert und die Ursprünge des Stuttgarter Stadtwappens gefunden. Wir forderten - zeitgleich und vorgeblich im Bündnis mit den Gegnern von "Stuttgart 21" - zur Sicherung der Ausgrabungen den sofortigen Baustopp des gigantischen Bahnprojekts. Der Archäologe Dr. Rainer Schreg befasste sich in seinem Blog mit Feuersteingewinnung an der neuen Stuttgarter Sensations-Fundstelle, unser Schatzmeister Guido Nockemann twitterte live von der Ausgrabung. Die Geschichte war zu schön, um wahr zu sein? Ja, so ist es. Leider!

Udo Zindels Feature zur "Nesenbach-Frau" errang eine Nominierung für den Deutschen Radiopreis in der Kategorie "Beste Comedy 2014". Die DGUF freut sich mit Udo Zindel!

Gute Zusammenarbeit hat den Aprilscherz ermöglicht: SWR, DGUF und mehrere engagierte Archäologen beleuchteten in ihren gut vorbereiteten Sendungen, Blogposts, Tweets und Stellungnahmen die Geschichte der Nesenbach-Frau aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Doch was ist die Wahrheit hinter der Geschichte? Hier Antworten auf die häufigsten Fragen, die uns gestellt worden sind.

Also was ist jetzt mit dieser Nesenbachfrau. Gibt's die?
Kurz und schmerzlos: nein. Erstunken und erlogen.

Gibt es diese La-Hoguette-Kultur wirklich? Nie gehört!
Das SWR2-Feature (Autor: Udo Zindel) ist sehr sorgfältig und aufwendig recherchiert. Sehr viele Details stimmen exakt. Und die La-Hoguette-Kultur gibt es wirklich. Wobei man wissen muss, dass kein in der Jungsteinzeit lebender Mensch sie so genannt hat, vielleicht haben sich die "La-Hoguette-Menschen" nicht einmal als Teil einer "Kultur" empfunden. Das ist ein Begriff aus der heutigen Wissenschaft. Die Archäologie ordnet Funde und Befunde, die deutliche Ähnlichkeiten zueinander aufweisen, sinnvollerweise in so genannte Gruppen oder Kulturen ein. So, als würde man alle Personen, die im Januar eine Mutschel bei sich haben, der "Reutlinger Gruppe" zuordnen. Ja, präzise ist diese Einordnung nicht immer, aber Archäologen können die Menschen von damals ja nicht mehr fragen.

Die La-Hoguette-Kultur ist nach einem französischen Ort benannt, sie gehört in die Jungsteinzeit. Und tatsächlich wurde in der Stuttgarter Wilhelma ein sehr bedeutender Fund aus dieser Zeitperiode gemacht.

  • Infos zu La Hoguette bei Wikipedia [mehr]
  • Was ist an der Steinzeit so spannend? Beim 3sat-Thementag "In 24 Stunden um die Welt" erzählte der stellvertretende DGUF-Vorsitzende PD Dr. Frank Siegmund, wie die Menschen zu Ackerbauern wurden. [mehr]

Naja, verrottete Nudeln. Sind die überhaupt interessant? Wertvoll sind die ja nicht ...
Okay, das mit den Nudeln hat ja nicht so ganz gestimmt. ;-) Aber fände man die, wäre das sehr spannend. Archäologen bemühen sich, aus zahlreichen Details möglichst viel über das Leben in früheren Zeiten herauszufinden. Sie arbeiten sehr eng mit Kollegen aus Nachbarwissenschaften zusammen, z. B. mit Paläogenetikern, die sich auf die Analyse von alter DNA spezialisiert haben und unter anderem über die Laktoseintoleranz steinzeitlicher Menschen forschen. Ein brandaktuelles Thema. All das hilft uns, ein immer besseres Bild von unserer Vergangenheit zu bekommen.

  • Hier ein Fachartikel über DNA-Untersuchungen zur frühen Jungsteinzeit: Lüning, Jens: Einiges passt, anderes nicht: Archäologischer Wissensstand und Ergebnisse der DNA-Anthropologie zum Frühneolithikum. Archäologische Informationen 37, 2014, 43-51. [mehr]

Und noch ein Wort zu "wertvoll": Für Archäologen kann ein schrumpeliger Klumpen Erde mehr wert sein als ein Goldschatz. Wertvoll ist, was uns Aussagen über die Vergangenheit und über das Leben der damaligen Menschen erlaubt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Ausgrabungen fachmännisch durchgeführt werden. Mal eben auf eigene Faust mit der Metallsonde suchen gehen und buddeln, wo's piept, zerstört den Kontext eines Fundes und damit die wichtigsten Informationen.

  • Was untersucht ein Archäologe überhaupt? Was muss ich beachten, wenn ich einen archäologischen Fund mache? Darf ich ihn behalten? DGUF-Beirat Dr. Gerhard Ermischer gab bei SWR2 die Antworten. [mehr]

Baustopp???? Nee, das meint Ihr nicht ernst. Wieso müsst Ihr das überhaupt ausgraben?
Würden Archäologen tatsächlich heute in der Baugrube von Stuttgart 21 am Stuttgarter Hauptbahnhof ausgraben, wäre das eine so genannte Notgrabung. Der Befund - also alle Funde und alle Strukturen wie z. B. Erdverfärbungen - müsste unter hohem Zeitdruck freigelegt, dokumentiert und geborgen werden, um die Bauarbeiten nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Notgrabungen sind in Deutschland die Regel, nur selten graben Archäologen aus reinem Interesse und ohne solch äußeren Zwang. Denn weder ist dafür das Geld da, noch ist es Ziel der Archäologie, schnell alles auszugraben. Eher im Gegenteil: Wissenschaftler wollen die Spuren der Vergangenheit möglichst lange und sicher in der Erde lassen.

Eine Ausgrabung ist immer nötig und, naja, auch vorgeschrieben, wenn eine Baumaßnahme eine Fundstätte zerstören wird. Die erfundene Grabungssituation ist auch insofern völlig realistisch, als man häufig vorher nicht genau weiß, ob in einem Areal archäologische Funde zu erwarten sind und wie bedeutsam ein Fundort ist. Übrigens ist auch eine Ausgrabung eine völlige Zerstörung eines Befundes, aber eine kontrollierte.

Ausgrabungen führen zur Verzögerung von Bauprojekten. Das ist ärgerlich für die Bauherren, wenn die Grabung unerwartet nötig geworden ist und die Bauarbeiten überraschend stoppt. Archäologen arbeiten jedoch so schnell wie möglich. 

Das Besondere an der Archäologie: Was weggebaggert ist, ist weg. Für immer. Das Wissen, das verloren geht, kann nicht "nachgeholt" werden, wenn irgendwann einmal mehr Geld oder mehr Zeit für Ausgrabungen und für Forschung in den öffentlichen Kassen sein sollte. Die DGUF setzt sich daher sehr für vernünftige Rahmenbedingungen ein, unter denen Archäologie betrieben werden kann.

Weitere Informationen rund um die Archäologie?
Wenn Sie sich für archäologische Themen interessieren, können Sie herzlich gerne kostenlos und unabhängig von einer DGUF-Mitgliedschaft unseren monatlichen Newsletter abonnieren. Er enthält Infos über aktuelle Forschungsprojekte, laufende Ausgrabungen, über Kulturgutschutz uvm. Und größtenteils ist er nicht auf Fachchinesisch.
mehr

 

Unser Dank für die gute Zusammenarbeit und für erstklassige Ideen geht an:

 

Autorin: Diane Scherzler

Urgeschichte, Vorgeschichte und andere Archäologien: Eine Begriffsklärung
Das Fach, um das es der DGUF geht, wird mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet.
Hinter dem bekannten, scheinbar einfachen Begriff "Archäologie" verbergen sich viele unterschiedliche Archäologien. mehr

Mehr auf DGUF.de

DGUF fordert Baustopp von "Stuttgart 21", damit einzigartiger La-Hoguette-Fundplatz sachgerecht ausgegraben werden kann. DGUF-Newsletter vom 1.4.2014 (Punkt 1.1.) PDF


Mehr im WWW

"Archäologische Sensation an S21-Baustelle" (SWR2 Wissen, 1.4.2014. Audio und Sendungsmanuskript sind online verfügbar) mehr

Rainer Schreg, Neolithische Rohmaterialgewinnung an der neuen Stuttgarter Sensations-Fundstelle (Archaeologik, 1.4.2014) mehr

Die Aprilscherz-Liste von "Current Archaeology": "The world's oldest noodles found during construction work at Stuttgart station!" mehr

"Sehr gut aufbereitet, vieles glaubwürdig": Das Helmholtz-Blog "Augenspiegel" zu unserem Aprilscherz (4.4.2014) mehr

"Archäologische Aprilscherze"(Archaeologik, 1.4.2014) mehr

"SWR2-Aprilscherz wird wahr". Archäologische Funde im S21-Areal (SWR3, 1.8.2015) mehr

KontaktImpressum / DatenschutzSeite druckenSeite empfehlen