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Sebastian Hornung, Johannes Gilhaus und Bettina Glunz-Hüsken: Rituell oder profan? Ein bronzezeitlicher Fundplatz in der bayerischen Donau-Aue

Mit Beiträgen von Jana Hlavata & Peter Apiar (Archäobotanik), Britta Kopecky-Hermanns & Christian Tinapp (Bodenkunde, Geoarchäologie), C. Sebastian Sommer & Martin Höhner (Vorworte)

Archäologische Quellen 4 

Die Verlegung einer Gas-Loopleitung von Forchheim nach Finsing in Bayern in den Jahren 2017-18 förderte den Ausschnitt einer bronzezeitlichen Siedlung (ca. 2000–1650 v. Chr.) zutage. Der vorliegende Grabungsbericht beschreibt umfassend die Grabungsmethoden, Befunde und Funde, ergänzt durch erste Auswertungen des in Pförring, Lkr. Eichstätt liegenden Fundplatzes. Im Fokus stehen Brandstellen, Keramikkonzentrationen, kalzinierte Knochenfragmente, eine Steinsetzung sowie Pfostenstellungen, die einen früh- bis mittelbronzezeitlichen Platz mit aufgehender Bebauung bezeugen. Schließlich steht die Frage nach dem Charakter der Befunde im Raum: rituell oder profan? Außergewöhnlich hoch ist die Menge der archäometrischen Beprobung (Geologie, Botanik, 14C-Datierung), die zusammen mit der Art und Weise der Ausgrabung ideale Voraussetzungen für zukünftige wissenschaftliche Forschungen bietet.

Luftaufnahme des Grabungsareals

Zwischen Oktober 2017 und Dezember 2018 verlegte der Gasleitungsbetreiber Open Grid Europe GmbH (OGE) zwischen dem Pförringer Ortsteil Forchheim, Lkr. Eichstätt, und der Gemeinde Finsing, Lkr. Erding, eine 75 km lange sog. Loopleitung. Deren Einbringung wurde denkmalschutzrechtlich beauflagt. Für die Bearbeitung des "linearen Projekts" des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege schlossen sich drei Grabungsfirmen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen. Während die Mehrzahl der einzelnen Trassierungsabschnitte nur vereinzelt Fundstellen enthielten, lieferte der Abschnitt 26, gegraben von der Pro Arch Prospektion und Archäologie GmbH unter der Leitung von Johannes Gilhaus und Sebastian Hornung, einen Einblick in einen ungewöhnlichen bronzezeitlichen Begehungs- oder Nutzungshorizont.

Grabungstechnisches Vorgehen speziell für diese Maßnahme
Der Fundplatz liegt auf einem leicht erhöhten Kiesrücken in der Auenlandschaft südlich der Donau und erstreckt sich über die ganze Trassenbreite des Untersuchungsstreifens von ca. 25 x 60 m. Geologisch gesehen – und das ist untypisch – befindet sich der Platz zwischen zwei Altarmen der Donau. Der Platz wurde mehrmals überspült, dann von jüngerem Sediment überdeckt und damit gleichsam konserviert. Um das erhebliche Fundaufkommen dokumentieren zu können, wurde ein angepasstes grabungstechnisches Vorgehen angewandt, nämlich die Anlage eines Rasterquadratsystems von jeweils 2 x 2 m. Ziel war die bessere Dokumentation der Verteilung und Analyse der Funde und Befunde. Die Ausgrabung im Schachbrettmuster lieferte schließlich dann auch dutzende Pfostengruben, einige Brandstellen und große Keramikkonzentrationen, die einen mittelbronzezeitlichen Platz mit aufgehender Bebauung und z. T. wohl intensiver Nutzung bezeugen.

Getreidereste, Scherbenpflaster, eine Steinsetzung und kalzinierte Knochenfragmente 

Außergewöhnlich ist die dichte archäobotanische Beprobung der Fundstelle.

Von Bedeutung ist die weithin außergewöhnlich dichte archäobotanische Rasterbeprobung, bei der die Fundschicht in mindestens jedem zweiten Quadrat beprobt wurde. Eine erste Durchsicht der Proben ergab, dass ein umfänglicher Getreideanbau betrieben wurde (Emmer, Nacktweizen, Dinkel). An einer Stelle wurde eine ca. 1 m lange, annähernd rechteckige Steinsetzung dokumentiert. Wie die gesamte Fläche, enthielt die Verfüllung der Steinsetzung kleinstteilige, kalzinierte Knochenfragmente. Es stellte sich heraus, dass die Steinsetzung zwar einzigartig war, es aber noch sechs weitere Brandstellen in der Fläche gab, die jedoch keine Steinsetzung aufwiesen. Allen gemein war ein jeweils nahegelegenes, größeres Scherbenpflaster.

Auffällige Verteilungsmuster

Beispiel einer Fundzeichnung

Die Analyse des Fundmaterials zeigt auffallende Muster. So gab es Zonen mit einer signifikant höheren Funddichte. Noch auffälliger war die Divergenz zwischen den Ballungen an Keramik und tierischen Knochen: Neben Konzentrationen von Keramik fanden sich meist entsprechende Konzentrationen von Knochen, die jedoch leicht versetzt zur Keramik lagen. Insgesamt ergibt sich ein Bild von rund sechs verstreuten "Aktivitätszonen", die sich aus den drei Kriterien "hohe Dichte an keramischem Fundmaterial", "hohe Dichte an tierischen Resten" und "Brandstellen" zusammensetzen.

Während offenbar ausgewähltes zerscherbtes Geschirr, kalzinierte Tierknochen (wohl keine Schädel, jedoch Zähne), Brandstellen und die Steinsetzung auf den ersten Blick für einen rituell genutzten Platz sprechen könnten, wären diese andererseits gleichermaßen als Relikte einer gewöhnlichen, profanen Verarbeitung von Nahrung (Fleisch, Fisch, Pflanzen) denkbar. Fehlendes Werkzeug untermauert die Annahme einer profanen Siedlung nicht zwingend, weil metallische Geräte zu wertvoll waren, um sie zu entsorgen. Ihr Mangel spricht ggf. auch gegen einen "kultischen" Charakter.

Ideale Voraussetzungen für zukünftige wissenschaftliche Forschungen
Die ungewöhnliche Lage des Platzes in der Donau-Aue, die Art und Weise der Ausgrabung sowie die hohe Zahl und Dichte genommener Proben für weiterführende naturwissenschaftliche Untersuchungen bieten ausgezeichnete Voraussetzungen, anhand dieses Platzes das bronzezeitliche Siedlungswesen in Bayern umfassender zu erforschen.

Open Data
Der Online-Ausgabe des Bandes liegen 6 Pläne bei, 45 Blätter mit Werkstattzeichnungen der Funde sowie 37 Grabungs-/Befundfotos.

Die insgesamt 7 Autoren
… sind erfahrene Ausgräber im Bereich der privatwirtschaftlichen Archäologie bzw. für solche Projekte tätige Spezialisten für Archäobotanik und Geoarchäologie. Sie stellen sich im Band einzeln vor. Mehr [dort].

Der Band
Kerpen-Loogh 2020. 138 Seiten, inkl. 122 meist farbigen Abb. u. Tabellen. Verlag Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF). E-Book im kostenlosen Open Access: 978-3-948465-61-2. DOI: https://doi.org/10.11588/propylaeum.689, urn:nbn:de:bsz:16-propylaeum-ebook-689-3

Gedruckte Ausgabe: ISBN 978-3-945663-09-7. Softcover. 39,50 Euro; für DGUF-Mitglieder 25,00 Euro. Preise zzgl. Porto und Verpackung.

CC BY 4.0

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