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Erwin Cziesla: Archäologie auf der Ortsumfahrung Passow (Lkr. Uckermark, Bundesland Brandenburg)

Archäologische Quellen 3

Zwischen November 2003 und Dezember 2005 wurde die rund 5,2 km lange Umgehungsstraße westlich von Passow (Lkr. Uckermark, Brandenburg) zunächst prospektiert und die dabei entdeckten Fundareale bezüglich ihrer Ausdehnung mit Suchschnitten erschlossen. Im Anschluss fanden fünf systematische Flächengrabungen statt. Auf ca. 70.000 Quadratmetern konnten rund 1.350 archäologische Befunde in sechs unterschiedlichen, räumlich getrennten Arealen beiderseits der Welse dokumentiert werden. Der Geschäftsführer der ausführenden Grabungsfirma legt mit diesem Band die wesentlichen Ergebnisse vor.

Passow 27: reich verzierte eisenzeitliche Kanne.

Bei den ältesten Funden handelt es sich um spätmesolithische Streufunde, die sich in meist bronzezeitlichen Befunden der Fläche Passow 6 erhalten hatten. Ebenfalls aus den unmittelbar aneinandergrenzenden Fundstellen Passow 27 und 6 stammen jungsteinzeitliche Keramikniederlegungen und Einzelgräber.

Die meisten Funde datieren jedoch in den Übergangshorizont von der jüngeren Bronzezeit und in die ältere Eisenzeit, wobei sich zwei räumlich getrennte Bereiche deutlich voneinander abgrenzen: Einerseits eng beieinander liegende, mit zahlreichen Keramikscherben verfüllte Gruben, die auch Sonderfunde wie z. B. die Reste von Sumpfschildkröten enthielten. Nennenswert ist auch der Fund eines isolierten Schädels ohne Unterkiefer und das Skelett einer jungen Frau, deren Schienbein sich in einer benachbarten Grube fand.

Passow 6: Untersuchung der Steinplatz-Grubenreihen

Andererseits der Befundtyp mit linear angeordneten, parallelen Reihen von Gruben, die mit Steinen verfüllt worden waren. Die exemplarisch vollständig geborgenen Steinplatzgruben belegen nach dem Zusammenpassen, dass die Steine nicht in den Gruben zersprungen sind. Erst nachdem sie anderenorts verwendet worden waren, kamen sie in den Gruben zur Ablage. Zusammen mit den neolithischen Keramik-Deponierungen, den ebenfalls neolithischen Gräbern (inkl. jener aus der Umgebung von Passow) wie auch dem - wenn auch nur in Ausschnitten untersuchten - Areal von Passow 26 sowie den Funden aus Passow 20, wird hier eine ritualisierte Landschaft greifbar, die seit rund 4.000 v. Chr. Bestand hatte und vermutlich bis in die Römische Kaiserzeit von Bedeutung war, denn es fanden sich auch Befunde und ein Brunnen aus dieser Zeitstellung.

Passow, die Umgehungsstraße und die arch. Fundplätze (Kartenausschnitt)

Weitere kaiserzeitliche Befunde stammen aus Wendemark 10 auf der linken Seite des Flusses Welse sowie von dem sehr ausgedehnten Fundplatzareal Passow 25 südöstlich von Passow, wobei es sich in diesen Fällen um Siedlungs- und Wirtschaftszonen handelte.

Einen ganz anderen Bereich auf dem Fundplatz Passow 27 und sicherlich nicht mehr der ritualisierten Landschaft zugehörend bilden die frühslawischen Befunde, die den Ausschnitt einer dörflichen Siedlung erkennen lassen. Weitere slawische Funde mit technischen Anlagen stammen von der anderen, nördlichen Seite der Welse aus Wendemark 10.

Die insgesamt zwölf Grabungsberichte unterschiedlicher Autoren zu diesem Projekt sowie das Fundmaterial wurden im Jahr 2007 dem BLDAM (Brandenburgisches Landesmuseum) übergeben und dort archiviert bzw. magaziniert. "Da sich in den seitdem vergangenen Jahren niemand der Ergebnisse annahm, liegt hier ein klassischer Fall für die 'Archäologischen Quellen' vor", sagt Erwin Cziesla. Der Autor sieht die nunmehr erfolgte monografische Fundvorlage nicht als abschließende Auswertung, sie dient s. E. ausschließlich dazu, auf diese interessanten Fundplätze und überraschenden Funde aufmerksam zu machen.

Der Autor
Erwin Cziesla, geb. 1955, arbeitet nach Magister 1980 und Promotion 1989 an der Universität zu Köln seit 1993 zunächst als wiss. Leiter, dann als Geschäftsführer der Grabungsfachfirma "Wurzel Archäologie und Umwelttechnik GmbH" mit Sitz in Stahnsdorf bei Berlin. Zuvor war er beim Zweckverband Neandertal (1979) und im DFG-Projekt "BOS - Besiedlungsgeschichte der Ostsahara" an der Universität Köln (1980-1992) tätig.

Erwin Czieslas Forschungsschwerpunkte sind methodische Fragen in der Archäologie der Steinzeiten, die Erforschung des Mesolithikums und die Interaktion im mesolithisch-neolithischen Kulturgeschehen. 1987 organisierte er das erste internationale Symposium über das Zusammenpassen von Steinartefakten ("The Big Puzzle") und erkannte den vermeintlichen Wolf vom Fundplatz Bonn-Oberkassel als einen der ältesten domestizierten Hunde Europas. Er ist Gründungsmitglied der "Arbeitsgemeinschaft Mesolithikum". Seine bisherigen Monographien von Verursachergrabungen gelten den beiden Großgrabungen von Merzenich-Valdersweg und Arnoldsweiler bei Düren (mit Fokus Bandkeramik; 2014) und der mesolithischen Grabung am Berliner Autobahnring A 10 bei Jühnsdorf (2017). Bisher hat Erwin Cziesla rund 200 wissenschaftliche Publikationen verfasst, insbesondere acht Monografien, darunter als Herausgeber einen Tagungsband und eine Festschrift.

Der Band

Kerpen-Loogh 2019. 303 Seiten (inkl. zahlreichen, meist farbigen Abb.). Verlag Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF). ISBN 978-3-945663-16-5. Softcover. 78,00 Euro, für DGUF-Mitglieder 45,00 Euro. Preise zzgl. Porto und Verpackung.

Online‐Ausgabe (Open Access): ISBN-PDF: 978-3-948465-06-3, DOI: https://doi.org/10.11588/propylaeum.577, urn:nbn:de:bsz:16-propylaeum-ebook-577-0

CC BY 4.0

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